REZENSION:

 

10/12/2023:

Mythbusters: neoliberale Legenden auf dem Prüfstand

(von Markus Krüsemann)

 

Behauptungen wie „Die Steuerlasten sind zu hoch“, „Privatunternehmen sind leistungsfähiger als der Staat“, „Arbeitslose brauchen Arbeitsanreize“, „Man kann nur ausgeben, was vorher erwirtschaftet wurde“ gehören zum Arsenal der Legenden vom vorteilhaft schlanken Staat und nachteiliger politischer Überregulierung. In ihrem Buch „Wirtschaftsmärchen“ widerlegen Patrick Schreiner und Kai Eicker-Wolf solche und viele andere neoliberale Mythen.

 

Zu den beliebten Konversationsthemen auf bildungsbürgerlichen Stehpartys oder in geselliger Tischrunde zählt es, sich gegenseitig über populäre Irrtümer aufzuklären. So erfährt man dort etwa, dass Napoleon entgegen der weit verbreiteten Ansicht gar nicht von so kleinem Wuchs war, maß er doch für damalige Verhältnisse normale 168 Zentimeter. Einen echten Treffer dürfte landen, wer die Königin Marie-Antoinette zugeschriebene Aussage, die Armen sollten halt Kuchen essen, wenn sie kein Brot hätten, gleich doppelt dekonstruiert. Ersten sei widerlegt, dass besagte Marie-Antoinette die Urheberin des zynischen „Bonmots“ gewesen ist, und zweitens sei es bei der Brotalternative gar nicht um den luxuriösen Kuchen gegangen, sondern um Brioche, ein damals auch für Arme nicht völlig unerschwingliches Hefegebäck. Beispiel wie diese lassen sich zahlreich wiederholen, denn das populärkulturelle Alltagsverständnis ist nicht nur im Bildungsbürgertum angereichert mit Gemeinplätzen, die unhinterfragt als wahr tradiert werden.

 

Von ganz anderem Kaliber sind dagegen Mythen und Legenden, die von Vertretern organisierter Interessen in gezielter politisch-ideologischer Absicht formuliert und verbreitet werden. Durch stete Wiederholung und eine sie begleitende mediale Verbreitung können sie tief in die allgemeine Weltanschauung, in den Alltagsverstand breiter Teile der Bevölkerung einsickern und sich damit als ideologisch wirkmächtig erweisen. Besonders erfolgreich waren hier in den vergangenen Jahrzehnten Vertreterinnen und Vertreter von wirtschaftsliberalen und marktradikalen Positionen, die dafür sorgten, dass neoliberales Gedankengut in den Bereichen Wirtschaft, Arbeit und Soziales sich in Form von vermeintlich objektiven Erkenntnissen die Aura einer Allgemeingültigkeit geben konnte, die nur selten noch hinterfragt wird.

 

Behauptungen wie „Die Steuerlasten sind zu hoch“, „Privatunternehmen sind leistungsfähiger als der Staat“, „Arbeitslose brauchen Arbeitsanreize“, „Man kann nur ausgeben, was vorher erwirtschaftet wurde“ und viele mehr gehören zum Arsenal der neoliberalen Mythen vom vorteilhaft schlanken Staat und nachteiliger politischer Überregulierung. Sie gelten oft als sinnfällig, als Inbegriff des gesunden Menschenverstandes, und stoßen auf weit verbreitete Akzeptanz, obwohl sie in ihrem Kern doch allesamt dazu beitragen, wenn nicht gar darauf abzielen, die bestehende Wirtschaftsordnung bzw. ihr Profitmodell zu legitimieren und die Umverteilung von unten nach oben ideologisch abzusichern.

 

Wirtschaftsmärchen entzaubert

 

Der Politikwissenschaftler Patrick Schreiner und der Ökonom Kai Eicker-Wolf haben dies schon vor Jahren zum Anlass genommen, die hartnäckig sich haltenden neoliberalen Falschbehauptungen und Fehlschlüsse zu widerlegen. Und das sind nicht wenige. Weshalb am Ende aus einer kleineren Sammlung von zuvor schon in der Zeitschrift Lunapark21 und der Wirtschaftszeitung OXI veröffentlichten Artikeln ein ganzes Buch über „Wirtschaftsmärchen – Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales“ geworden ist.

 

Ihr Vorgehen ist dabei in allen 101 Kurzkapiteln gleich. Aussagen und Behauptungen von Wortführern (es sind fast immer Männer) neoliberaler, marktradikaler, oder einfach auch nur neoklassischer Positionen werden paraphrasiert und anschließend aus keynesianischer, man könnte auch sagen postkeynesianischer Perspektive auf ihren Gehalt abgeklopft, logisch zerpflückt und mit Gegenargumenten und Richtigstellungen als das entlarvt, was sie sind: einerseits auf überkommenen, realitätsfernen und unterkomplexen ökonomischen Wirtschaftstheorien gründende Schlussfolgerungen, die empirisch nicht zu belegen sind, andererseits gezielt Partikularinteressen stützende und sie zugleich verschleiernde Legenden zwecks ideologischer Unterfütterung eines Umbaus von Staat und Gesellschaft nach neoliberalen Prinzipien.

 

Sachlich fundiert und gut verständlich formuliert setzen sich die Autoren mit jeder Behauptung kritisch auseinander. Da für ihre Repliken jeweils nur zwei Seiten zur Verfügung stehen, können die Widerlegungen zwangsläufig nicht die große analytische Tiefe haben. Der Druck, umgehend auf den Punkt zu kommen, hat aber den Vorteil, dass die Erklärungen nicht in Theorieseminare abdriften, sondern zu sehr pointierten Widerlegungen und Richtigstellungen führen, die den ideologischen Gehalt der Wirtschaftsmärchen offenlegen. Eine Kurzform die beide sehr gut beherrschen. Für den täglichen Gebrauch in politischen Diskussionen oder im Kampf um die Deutungshoheit an den Stammtischen der Republik bieten ihre Ausführungen allemal genug Stoff.

 

Was ebenfalls positiv auffällt: Autoren und Verlag haben sich Mühe gegeben, nicht nur eine gut lesbare Textsammlung vorzulegen, sondern auch eine gut handhabbare, mit der man „arbeiten“ kann. In der Mehrzahl der Kapitel sorgen Querverweise zu thematisch verwandten Beiträgen dafür, dass man sich gezielt in einen Themenbereich vertiefen kann. Diesem Zweck dient u.a. auch das Themenregister am Ende des Buches, das heute leider keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

 

Abgerundet wird diese Sorgfalt durch einen Anhang, der zu jedem der 101 Kapitel Quellenangaben enthält. Häufig belassen es die Autoren dabei aber bei der Angabe der Quelle für die zu widerlegende Behauptung. Man hätte sich gewünscht, dass sie auch die eigenen inhaltlichen Ausführungen bzw. Argumentationsgänge häufiger mit Quellenhinweisen hinterlegt hätten. Der Qualität und dem eigentlichen Zweck des Buches tut dies aber keinen Abbruch.

 

Patrick Schreiner und Kai-Eicker Wolf haben ein sorgsam zusammengestelltes Nachschlagewerk erstellt, bei dem dank des flüssigen, verständlichen und immer auch ein wenig spöttischen Stils das Lesevergnügen auch bei komplexeren Sachverhalten nicht abhandenkommt.

 

Das Buch eignet sich für alle, die mehr über ökonomische Zusammenhänge erfahren wollen, um sich nicht weiter von angeblichen Experten und Weisen ins Bockshorn jagen zu lassen. Empfehlenswert ist es vor allem für Menschen, die sich in politischen Initiativen engagieren, sich in öffentliche Debatten einmischen, oder etwa in der politischen Bildungsarbeit tätig sind – kurz gesagt alle, die im Handgemenge faktenbasierte, argumentative Unterstützung gebrauchen können.

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Patrick Schreiner, Kai Eicker-Wolf: Wirtschaftsmärchen. Hundertundeine Legende über Ökonomie, Arbeit und Soziales. 270 Seiten, 19,90 EUR, ISBN 978-3-89438-814-0.

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Markus Krüsemann ist Soziologe und Mitarbeiter am Institut für Regionalforschung in Göttingen.

 

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